Sagen des Odenwaldes
Die Hexen und der Brandschneider
Vollmond auf der Tromm, anno 1500: Zwei Käuzchen rufen, und von fern heult gespenstisch ein Wolf. Einige Hexen versammeln sich an der Wegkreuzung und ziehen ihren magischen Kreis. Da schleicht sich noch eine Gestalt heran: ein neugieriger Schneider! Unter einer Egge versteckt er sich. Denn der Volksglauben weiß, darunter ist man sicher vor bösen Geistern.
Doch die Hexen entdecken ihn. Die alte Sage meint, sie hätten den Schneider auf ihren Hexenbesen wild zu Tode geritten.
Entn.: Tafel des Geo-Parks, Brandschneiderkreuz - Tromm
Das Eichbrünnlein und die Sage vom Sonntagskind
Eine alte Sage, die sich um den Eichbrunnen rankt, erzählt von einem Mädchen, das einst in einem alten Gehöft unterhalb der Burgruine Rodenstein lebte. eines Tages verschwand die junge Frau und wurde tagelang vermisst. Voller Angst suchte man sie, und schließlich wurde sie am Eichbrünnchen gefunden. Hier saß sie seelenruhig, trank von dem köstlichen Wasser und schaute abwesend in die Quelle. "Wo bist du gewesen?", fragte man sie."Komm schnell mit nach Hause!" Doch das Mädchen wollte den Platz nicht verlassen.
"Seht ihr denn nicht den schönen goldenen Wagen, der für mich bereit steht?", rief sie. "Er wird mich in ein fremdes Land bringen!" Niemand konnte verstehen, was sie meinte, und weit und breit sah keiner die Kutsche, von der sie sprach. - Kein Wunder, dass bloß die junge Frau sie wahrnehmen konnte, denn sie war ein Sonntagskind. Und nur denjenigen, die an einem Sonntag geboren sind, macht das Eichbrünnchen Erscheinungen sichtbar.
Entn.: Tafel des Geo-Parks, Eichbrunnen nahe der Burgruine Rodenstein
Die Sage vom Teufelsstein
Der Sage nach soll unter dem Granitfindling ein Schatz vergraben sein. Der Teufel soll hier sein Unwesen getrieben haben; in der Quarzschicht, die sich wie eine Kette des Teufels um den Stein legt, wird die Kette des Teufels und in den verschiedenen Felsabdrücken die Fußabdrücke des Teufels gesehen.
Entn.: Tafel am Teufelsstein bei Abtsteinach
Die Entstehung des Felsenmeeres
Der Überlieferung nach entstand das Felsenmeer durch den Streit zweier Odenwald-Riesen. Der eine hauste auf dem Feldberg, der andere ganz oben auf dem Hohenstein. Der bewarf nun in seiner Wut den Felsberger mit einer Unmenge riesiger Steine, die den Gegner schließlich unter sich begruben. Und unter diesem Meer aus Granitsteinen liegt er noch heute. Stößt man dort mit dem Fuß kräftig auf den Boden, so kann man den Riesen noch stöhnen hören.
Entn.: Hessen-Lexikon
Die Sage von den silbernen Glocken
Mörlenbach, jetzt nur ein kleiner Flecken, war vor Zeiten eine Stadt, mit Mauern, Gräben und Wällen umgeben und über alle Maßen reich. Es hatte ein prächtiges Schloss. Die Glocken auf dem Kirchturm waren eitel Silber. Als nun der Feind im 30-jährigen Kriege plündernd, sengend und brennend heranzog, versenkten die Einwohner ihre kostbaren Silberglocken in einem nahen Teich unfern der Kirche, um sie vor der Raubgier der Feinde zu verbergen. Aber die Leute, die um die Stelle wussten, kamen in der folgenden Pestzeit alle um. Nur die Kunde, dass die Glocken im Wasser lägen, erhielt sich. Niemand wusste, wo dieser Gemeindeschatz zu finden sei. Da war vor nicht langer Zeit ein Mann zu Waldmichelbach, der hatte einen Erdspiegel, den ließen sie sich holen, dass er im Spiegel die Stelle sehen sollte, wo sie nach den Glocken graben sollten. Es wurde gegraben und aufgeräumt, allein die Weschnitz brach ein und überschwemmte einen Teil des Dorfes. So musste man aufhören u graben. Auch noch weitere Schatzsucher haben ihr Glück versucht, aber die Erde gab ihr kostbares Geheimnis nicht preis.
Entn.: Heimatbuch Mörlenbach
Des Rodensteiners Auszug
Im Odenwalde oder nahe dabei stehen zwei Trümmerburgen, die heißen der Rodenstein und der Schnellert, zwei Stunden voneinander entfernt. Die Herren von Rodenstein waren ein mächtiges Rittergeschlecht. Einer derselben war ein gewaltiger Kriegs und Jagdfreund, Kampf und Jagd war sein Vergnügen, bis er auf einem Turnier zu Heidelberg auch die Minne kennenlernte und ein schönes Weib gewann. Doch lange hielt er es nicht aus im friedsamen Minneleben auf seiner Burg, eine nachbarliche Fehde lockte ihn zu blutiger Teilnahme. Vergebens und ahnungsvoll warnte sein Weib, bat und flehte, sie nicht zu verlassen, da sie in Hoffnung und ihrer schweren Stunde nahe war. Er zog von dannen, achtete ihres Flehens nicht - sie aber war so sehr erschüttert, dass ihre Wehen zu früh kamen - sie genas eines toten Sohnes und - starb. Der Ritter war, dem Feinde näher zu sein, auf seine Burg Schnellert gezogen - dort erschien ihm im Nachtgraun der Geist seines Weibes und sprach eine Verwünschung gegen ihn aus. Rodenstein! sprach sie, du hast nicht meiner, nicht deiner geschont, der Krieg ging dir über die Liebe, so sei fortan ein Bote des Krieges fort und fort bis an den Jüngsten Tag! Bald darauf begann der Kampf. Der Rodensteiner fiel und ward auf Burg Schnellert begraben. Ruhelos muss von Zeit zu Zeit sein Geist ausziehen und dem Lande ein Unheilsbote werden. Wenn ein Krieg auszubrechen droht, erhebt er sich schon ein halbes Jahr zuvor, begleitet von Tross und Hausgesinde, mit lautem Jagdlärm und Pferdegewieher und Hörner- und Trompetenblasen. Das haben viele Hunderte gehört, man kennt sogar im Dorfe Oberkainsbach einen Bauernhof, durch den er hindurch braust mit seinem Zuge, dann durch Brensbach und Fränkisch Krumbach und endlich hinauf zum Rodenstein zieht. Dort weilt das Geisterheer bis zum nahenden Frieden, dann zieht es, doch minder lärmend, nach dem Schnellert zurück. Im vorigen Jahrhundert sind im Gräflich-Erbachischen Amte zu Reichelsheim gar viele Personen, die den Nachtspuk mit eigenen Ohren gehört hatten, amtlich verhört worden und haben ihre Aussagen zu Protokoll geben müssen. Viele sagen zwar, es sei des Lindenschmieds Geist, der so ruhelos ziehe und von dem am Rhein alte Lieder gehen, aber der Lindenschmied war ein Schnapphahn, den Kaspar von Freundsberg gefangen nahm, und lange vor seinem Leben war der Rodensteiner zum Auszug und Kriegsherold bis zum jüngsten Tage verwünscht worden.
Mündlich
Vom Schnellerts
Viele, welche den Schnellerts bestiegen, hörten dort einen feinen, lieblichen Gesang und zwar waren es gewöhnlich Kirchenlieder, die sie vernahmen; diese Töne schienen ihnen aus dem Berg zu kommen, doch ist es nie Jemand gelungen, in dessen Inneres zu dringen. Oft kräht auf dem Gipfel des Bergs, da wo die Ruinen der Burg stehen, der Hahn, und er hat schon manchen sehr erschreckt. So waren vor nicht langer Zeit die Leute einmal droben zu einer Holzversteigerung versammelt und eben bot der Förster einen Stocken aus, als der Hahn krähte. Im Nu war der Platz leer und selbst der Förster hatte nicht den Muth, zu bleiben.
Entn.: Hessische Sagen
Das Gewölbe im Auerbacher Schloss
Jenseits des Melibokus, wenn man nach Heidelberg fährt, liegen auf einer der schönsten Höhen der Bergstrasze die Trümmer des Auerbacher Schlosses. Ein Mann in dem nicht fernen Odenwälder Dorfe Reichelsheim, welcher die Kunst verstand, alle Thüren ohne Schlüssel zu öffnen, erzählte oft, dasz in den Trümmern ein Gewölbe sei, welches er jedes Jahr besuche. Wenn er es durchschritten habe, komme er in einen hohen und weiten Saal, worin zwölf Männer um einen halbrunden Tisch säszen; vor ihnen im Saal lägen grosze Haufen Geldes. Er dürfe davon jedesmal drei Griffe mit beiden Händen zugleich nehmen und während dessen fragte einer an der Tafel: "Was sollen wir mit dem da machen?" Die andern sagten stets: "Lasz ihn nur gewähren." So hatte er es schon lange Jahre gehalten und war ein reicher Mann geworden, aber plötzlich war es zu Ende damit und er verarmte jedes Jahr mehr. Da fragte man ihn, wie das komme und warum er kein Geld mehr in Auerbach hole, und er sprach: "Ich hab's mit ihnen verdorben und kann das Gewölbe nicht mehr finden. Als das letztemal wiederum einer der zwölf Männer fragte: Was sollen wir mit dem da machen? rief ich übermüthig, denn ich hatte zu viel getrunken: "Halt's Maul, du alter Narr!" aber da standen sie alle von ihren Stühlen auf und fielen über mich her und wie ich herausgekommen bin, das weisz ich selbst nicht. Soviel nur weisz ich, dasz ich mich vor dem Gemäuer wiederfand und blaue Mäler am ganzen Körper hatte, ebenso, dasz ich seitdem das Gewölbe vergebens gesucht habe.
Entn.: Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch
Die Siegfriedsage (Kurzfassung)
Siegfried, Königssohn aus Xanten, kommt nach
Worms an den Hof der Burgunderkönige Gunther, Gernot und Giselher, um deren Schwester Krimhild zur Frau zu gewinnen. Hagen von Tronje erzählt bei Siegfrieds Ankunft von dessen früheren Taten, vom
Kampf gegen die Zwergenkönige Schillung und Nibelung, bei dem er den Hort und Alberichs Tarnkappe gewann, und vom Kampf mit dem Drachen, bei dem er die unverwundbare Haut erhielt.
Siegfried bleibt ein Jahr lang als Freund am Burgunderhof, ohne seine eigentliche Absicht zu verraten. Als ihn König Gunther bittet, ihm bei der Werbung um Brünhild beizustehen, die nur dem
gehören will, der sie im Zweikampf besiegen kann, sagt ihm Siegfried seine Hilfe unter der Bedingung zu, dass er dafür Krimhild als Frau erhält.
In Island gibt sich Siegfried als Dienstmann des Königs Gunther aus, um Brünhild, die ihn selbst als Freier erwartet, sein Dabeisein zu erklären. Unter der Tarnkappe, die zusätzliche Kräfte
verleiht, übertrifft er Brünhild in allen Kampfspielen. Sie glaubt sich von Gunther besiegt, der nur die Bewegungen ausgeführt hat.
Bald wird in Worms Hochzeit gefeiert. In der Nacht jedoch widersetzt sich Brünhild erfolgreich Gunthers Begehren. In der folgenden Nacht tritt Siegfried noch einmal aus Freundschaft an Gunthers
Stelle. Er besiegt Brünhild in der Dunkelheit und nimmt ihr Ring und Gürtel ab; wieder glaubt sie, Gunther unterlegen zu sein und erkennt ihn nun als ihren Herrn und Ehemann an.
Nach einigen Jahren, Siegfried lebte inzwischen mit Krimhild glücklich in seiner Vaterstadt Xanten, kommt es in Worms bei einem Fest zum Streit der Frauen. Brünhild neidet der Frau des
vermeintlichen Lehensmanns Siegfried den Vortritt ins Münster. In ihrem Zorn verrät Krimhild das Geheimnis des doppelten Betrugs.
Um die Ehre seiner Herrin wiederherzustellen, sucht der treue Vasall Hagen den scheinbar Unbesiegbaren durch List zu töten. Er bittet Krimhild, durch einige Stiche auf Siegfrieds Kleidung die
Stelle zu bezeichnen, wo er verwundbar blieb, damit er ihm im Kampfe desto besser beistehen könne. Jene Stelle, wo einst ein Lindenblatt klebte, als Siegfried in Drachenblut badete.
Aus Sorge um Siegfried befolgt Krimhild den Rat. So kann Hagen Siegfried auf der Jagd hinterrücks ermorden.
Entn.: http://www.untermain.de/zugast/www2004/index.asp?to=kultur.asp?geschichte=1
Die „Dicke Eiche“
Der Sage nach hat sich Siegfried, der Held des Nibelungenliedes, im Schatten der Eiche von der Jagd ausgeruht. Nach einer anderen Überlieferung war er selbst die Ursache des enormen Baumwuchses. Auf der Jagd in den dichten Wäldern des Odenwaldes soll er einmal einen ganzen Tag lang einen gewaltigen Auerochsen verfolgt haben, bevor er ihn erlegen konnte. Aus einer Eichel, die in die Blutlache des Tieres fiel, soll die Eiche von Airlenbach gewachsen sein.
Entn.: HR – Kultur
Sage vom Wildfrauhaus
Es wird erzählt, dass hier zwei wilde Menschen, ein Mann und eine Frau gewohnt hätten, die viele kranke Leute kuriert haben sollen. Als der Mann gefangen wurde, soll ihm das Weibchen nachgerufen haben: 'Sag alles, nur nicht, wozu die wilden Salben gut sind. Die wilde Salbe oder Selbe ist der Salbei, eine Heilpflanze.
Entn.: Tafel am „Wildfrauhaus“, Lützelbach
Niesen im Wasser
Das südhessische Niesen war in alten Zeiten öfters zu hören. In der Regel erklang es dreimal, und zwar an einer kleinen Brücke über die Auerbach. Ein Phänomen, das ängstliche Ohrenzeugen meistens in die Flucht trieb. Schließlich fasste sich ein Bensheimer ein Herz, blieb stehen und wünschte nach dem dritten Niesen ebenfalls dreimal „Gott helf!“ Da bedankte sich ein unsichtbares Kind. Es erklärte, dreißig Jahre verwunschen gewesen zu sein. Nun endlich sei das erlösende Wort in der magisch richtigen Anzahl gefallen. Seither ist das Niesen verstummt.
Entn.: Hessenlexikon
Die Sage vom Schlurcher
Der Schlurcher erschien ausschließlich im Roschbacher Hof bei Erbach und kann deshalb als Prototyp eines Hausgeistes gelten. Bekleidet war er stets in einer grauen Arbeitskutte, die er mit einem Strick zusammenhielt, und einem Paar Holzschuhe, „mit denen er geräuschvoll die Treppen hinauf und hinunter schlappte oder schlurchte, wie die Odenwälder sagen. Der Schlurcher half mit großer Behändigkeit bei allen Arbeiten, und jeder hatte sich so an ihn gewöhnt, dass man von seiner Erscheinung kaum noch Notiz nahm“. Bisweilen bot er sich Kartenspielern als „Dritter Mann“ an, oder er setzte sich Pfeife rauchend zu einem ahnungslosen Wirtshausgast und verwickelte ihn in ein Gespräch. Kurz und gut: er tat alles, was ein leibhaftiger Hausknecht ebenfalls getan hätte. Nur brauchte er weder Lohn noch Unterkunft, geschweige denn eine Sozialversicherung. Leider hat man späterhin nichts mehr vom Schlurcher gehört. Vielleicht hat er irgendwann mal die Stellung gewechselt.
Entn.: Hessenlexikon
Die nachfolgenden Sagen habe ich bei http://www.stadt-breuberg.de/sagen.htm gefunden.
Das Glücksschwein
Es war dahinten im Odenwald. Die Ritter hatten Streit miteinander. Die Otzberger trieben ihr Vieh in den Breuberger Wald und schossen sich da auch Hirsche und Wildschweine. Da passten die Breuberger ihnen auf, schlugen sie windelweich und nahmen die Frechsten von ihnen als Gefangene mit auf den Breuberg. Nun kamen die Otzberger, und sie hatten auch noch die Umstädter bei sich. Es waren ihrer so viele, dass sie die Burg Breuberg belagern konnten. Ringsum stellten sie ihre Kanonen auf, und bald flogen ihre Kugeln wider die dicken Mauern und hohen Türme, aber Woche um Woche verging, und die Breuberger ergaben sich nicht. Freilich gingen in der Burg die Lebensmittel zur Neige, doch an Wasser fehlte es im tiefen Brunnen nicht. Täglich bekam jeder Knecht nur noch ein Stuck Brot und dazu zwei Äpfel, aber den Mut verloren die Breuberger doch nicht. Sie wandten eine List an. Im Stall hatten sie nur noch ein einziges Schwein, einen alten Eber; den führten sie nun jeden Tag auf den Wall, quälten ihn so, dass er gewaltig schrie. Das hallte jedes Mal weit über das Tal, und die Otzberger draußen sagten sich: "Wenn die Breuberger noch so viele Schweine zu schlachten haben, ergeben sie sich noch lange nicht." Unten "auf der Schanz" litten die Belagerer bitteren Hunger; die Bauern waren mit ihrem Vieh nach dem Obernburger Wald geflohen, und sie waren nirgends zu finden; die Dörfer ringsum standen leer; die dürren Klepper der Otzberger nagten vor Hunger an den Bäumen die Rinde ab. Nachts war es bitterkalt, und dabei regnete es, was es nur konnte. Da spannten die Otzberger ihre Gäule vor die Kanonen und zogen ab. Wie jubelten oben in der Burg die Breuberger ! "Wir hatten ein Schweineglück," sagten sie; "das verdanken wir diesem Eber. Wir geben ihm das Gnadenbrot." Immer wieder trieben sie ihn zur Eichelmast, und als er endlich kugelrund war und draußen auf den Wall geschlachtet wurde, da hingen sie seinen Kopf an das Burgtor, und das Brett von dem Schweinskopf mit den langen Borsten und den kräftigen, krummen Hauern ist da noch zu sehen als Wahrzeichen bis auf den heutigen Tag.
Der Breilecker
Ein anderes Mal kamen die Otzberger wieder gezogen. Jetzt hatten sie aber noch schwerere Kanonen bei sich. Sie wollten die dicken Mauern der Burg umschießen und den Breuberg der Erde gleichmachen. Doch weit gefehlt! Die Kugeln prallten ab an den riesigen Quaderstein, nur eine Stückkugel blieb stecken, gleich rechts von dem Tor, da kann man sie heute noch sehen. Die Breuberger verließen sich auf ihre feste Burg und verloren den Mut nicht. Wenn es draußen blitzte und krachte, jauchzten die Burgleute, und der Rossbub schlug im Hof drei Purzelbäume. An einem Mittag standen sie draußen auf der Wache hinter der Mauer. Dabei kochten sie einen Kessel voll Hirsebrei; und als sie sich nun setzten und sich den Brei schmecken lassen wollten, da flog eine Kugel wider den Turm, prallte ab und, Plumps, da fiel sie mitten in den Kessel. Der Brei spritzte heraus, aber Werner, ein richtiger Spaßvogel, leckte ihn vom Boden auf, sprang auf die Mauer und streckte den Feinden die Zunge heraus. Gleich schossen die Otzberger nach ihm, aber sie trafen ihn nicht. Wie lachten da die Burgleute und der ganze Haufen rief: "Werner, du bist unser Kühnster, du sollst uns allezeit die Burg bewachen! Dietrich, der Steinmetz, holte den Hammer und meißelte in einen vorspringenden Stein neben dem Tor Werner, den Breilecker. Da schaut er noch heute herunter, dieser Spaßvogel im Kettenpanzer; er streckt allen die Zunge heraus, die bei geschlossenem Tor die Burg nicht betreten können. Die Tür ist verriegelt, und an der schweren Kette hängt ein dicker, dicker Ring. Wer ihn durchbeißt, bekommt den Breuberg und all das Land ringsum, die ganze Herrschaft. Viele Tausend Buben und Mädchen haben es schon probiert, aber der eiserne Ring blieb ganz, und der Breilecker, von dem der "Breiberg" seinen Namen haben soll, hat sie ausgelacht. Auch mir hat er die Zunge herausgestreckt.
Das Los vom "Gailsmarkt"
Als der Hanjörgsbauer auf dem Gailsmarkt ein ,Dito' gewann!
Wer kennt im Odenwald nicht den Beerfelder Pferdemarkt? Seit vielen Jahren bildet er schon eine Art Heerschau für alle Viehzüchter des Landes und ihre Züchtungen. Da kommen die Bauern aus der Ober- und Unterzent zusammen und zeigen voll Stolz ihr Alt- und Jungvieh. Da werden Pferde gekauft und verkauft, Kühe und Kälber gehandelt. Da rollten früher die Erbacher Gulden aus den ledernen Geldkatzen, die die Bauern um den Leib geschnallt trugen. Heute rollen die Markstücke und fliegen die Geldscheine. In den Wirtschaften wird gefeilscht, gehandelt, gegessen und getrunken. Das endet meist mit Geschäftsabschlüssen und Gesang. Manchmal aber, wie man so erzählt, mit einem Rausch. In früheren Zeiten war mit dem Jahrmarkt eine Lotterie verbunden. Da konnte man für eine Mark allerhand nützliche Dinge gewinnen, einen Wagen, eine Heugabel, eine Hacke, einen Krauthobel und ähnliche praktische Gegenstände. Darum waren die Gailsmarktslose immer begehrt und gingen ab wie die Sonntagswecken, wenn die Bauern der Oberzent nach dem Gottesdienst ihren Schoppen tranken. Auch der Hanjörgsbauer aus einem Dorf des Freiensteiner Amts kaufte einmal ein Los bei der Gailsmarktlotterie, und als die Gewinnliste herauskam, fand er seine Losnummer unter den Gewinnnummern. Zwar nicht ganz vorn, wo der Leiterwagen stand, sondern ziemlich am Ende, gerade unter der Nummer, die eine Bohnenschneidemaschine gewonnen hatte. Da stand sein Los und daneben das Wort "Dito".Der Hanjörgsbauer war zwar ein gescheiter Mann, aber was ein Dito ist, hatte er nicht gelernt. Er holte sich deshalb Rat bei seinem Nachbarn, dem Jörgphillip. Der hatte in der Schule immer auf dem ersten Platz gesessen und wusste deshalb mehr als seine Kameraden. Der Jörgphilipp schüttelte lange den Kopf, legte die Stirn in Falten, klopfte seine Pfeife aus und meinte, Dito wäre ein Fremdwort und müsste deshalb etwas Besonderes bedeuten. ,,Nachbar" sagte er nach langem Überlegen, du bist ein Sonntagskind. Ich muss dir gratulieren, spann an, das Ding kannst du nicht tragen. So fuhr der Hanjörg mit seinem Leiterwagen an der Bürgermeisterei in Beerfelden vor und zeigte sein Los. Aber wer beschreibt sein Erstaunen und seine Enttäuschung, als ihm der Gemeindediener den Gewinn brachte. Der "Dito"-Gewinn entpuppte sich als eine gewöhnliche Bohnenschneidemaschine. Als der Bauer zu Hause seinem Nachbar den gelehrten Gewinn zeigte, meinte der: Wer hätte das gedacht? So ein vornehmes Wort und so ein kleiner Gewinn! Ja, ja, die Fremdwörter haben es in sich.
Und diese Odenwaldsagen fand ich bei Wikipedia:
Die alte Burg
Hinter der Nieder-Beerbacher Kirche in Richtung Frankenstein befindet sich ein Bergkegel, der auf alten Flurmarken als „alte Burg“ und im Volksmund als „Die áld Bejje“ bezeichnet wird (wobei das mundartliche „Bejje“ außerhalb Nieder-Beerbachs nicht bekannt ist). Dort soll sich einst ein Vorgängerbau der Burg Frankenstein befunden haben. Dieses alte Bauwerk soll über unterirdische Gänge nicht nur mit der „neuen“ Burg Frankenstein verbunden gewesen sein, sondern auch mit der Nieder-Beerbacher Kirche und der ehemaligen Martinskapelle in Bessungen. In diesen Gängen soll sich ein großer Schatz aus Gold, Silber und Wein befinden.
Tatsächlich finden sich an besagter Stelle Reste einer Wehranlage, die vermutlich aus der Mitte des 11. Jahrhunderts stammt. Der Ursprung der Anlage ist nicht geklärt. Vermutungen gehen von dem Herrschaftssitz einer bereits im Mittelalter ausgestorbenen Adelsdynastie aus, die vor den Frankensteinern über das Beerbachtal herrschte.
Schatzsucher
Im 18. Jahrhundert brach infolge dieser Sage ein regelrechter Goldrausch aus. 1763 fand eine groß angelegte, aber offenbar sehr chaotisch und planlos verlaufende Ausgrabung statt, die sich neben der alten Sage auch auf die Aussagen von Kristallkugellesern stützte. Der damalige Pfarrer von Nieder-Beerbach versuchte die Aktion zu verhindern, was zu Beschimpfungen und Forderungen nach seiner Absetzung führte. Am Ende sollen die Schatzsucher ein einziges Chaos aus Löchern, Schächten und Höhlen hinterlassen haben. Einen geheimen Gang oder gar einen Schatz hatten sie nicht gefunden. Das Goldfieber hatte die Leute jedoch so sehr gepackt, dass erst ein Unglücksfall, der Tod eines Schatzsuchers, der in einem der provisorischen Schächte verschüttet wurde, die Schatzsuche vorübergehend beendete. Einige Jahre später, 1770, kam es zu einer erneuten Schatzsuche, die jedoch lediglich zwei kleine Mauerstücke, vermutlich Überreste einer ehemaligen Ansiedlung, hervorbrachte. Ein dritter Versuch 1787/88 endete mit einem weiteren tödlichen Unfall, woraufhin jegliche weiteren Grabungen von der Obrigkeit verboten wurden.
Das Frankensteiner Eselslehen
Weniger eine Sage als vielmehr eine historisch verbürgte Kuriosität ist das Frankensteiner Eselslehen. Bis ins späte 16. Jahrhundert liehen die Frankensteiner Ritter einen Esel samt Knappen zu Prangerzwecken an die umliegenden Orte (hauptsächlich nach Darmstadt). Diese spezielle Bestrafung wurde Frauen zuteil, die ihren Ehemann geschlagen hatten. Dabei gab es zwei Varianten: hatte die Frau ihren Mann „durch hinterlistige Bosheit“, ohne dass er sich wehren konnte, geschlagen, so führte der Frankensteiner Knappe den Esel. Hatte er aber in einer „ehrlichen Fehde“ die Schläge abbekommen, musste er den Esel selbst führen (dies sollte wohl zum Ausdruck bringen, dass es auch für den Mann eine Schande war, wenn er sich nicht gegen seine eigene Frau zur Wehr setzen konnte).
Zu Ende des 16. Jahrhunderts verschwand das Frankensteiner Eselslehen, angeblich weil der Darmstädter Landgraf die vereinbarte Aufwandsentschädigung für die Frankensteiner Ritter schon seit geraumer Zeit nicht mehr bezahlte. Tatsächlicher Grund dürfte jedoch der Versuch gewesen sein, das eigentlich nur mit der Stadt Darmstadt bestehende Eselslehen auf alle Centbezirke der Landgrafschaft auszudehnen. Eine Zustimmung der Frankensteiner, den Esel auch in andere Orte zu schicken, wäre daher einem Anerkenntnis der Centherrschaft auch über sämtliche Frankensteiner Besitzungen gleichgekommen.
Johann Konrad Dippel
Der örtlichen Folklore und den heutigen Burgverwaltern zufolge soll der im Jahr 1673 auf der Burg geborene Theologe, Alchemist und Arzt Johann Konrad Dippel hier diverse alchemistische Versuche durchgeführt haben. So zum Beispiel Versuche mit Nitroglyzerin, das je nach Dosierung als Sprengstoff oder Medikament verwendet wird. Von Historikern wird dies bezweifelt, da es keine Dokumente gibt, die ausweisen, dass Dippel nach seinem Studium jemals wieder auf die Burg zurückkehrte. Im Falle der angeblichen Experimente mit Nitroglyzerin handelt es sich sogar um einen Anachronismus, da Nitroglyzerin zu Dippels Zeit noch gar nicht entdeckt war.
Sage vom Magnetberg nahe der Burg Frankenstein
Auf dem nahe der Burg gelegenen Ilbes-Berg (Magnetberg) befinden sich magnetische Steine. Der Magnetismus soll durch Hexen entstanden sein. Außerdem soll dieser Berg nach dem Brocken der zweitgrößte Hexenkultplatz Deutschlands sein. Historisch dürfte dieser enge Bezug des Ilbes-Berges als Hexenkultplatz aber eher jüngeren Datums sein und wie auch die Sagen um Johann Konrad Dippel erst in den letzten Jahrzehnten entstanden sein. In den zeitgenössischen Dokumenten der Hexenverfolgungen in der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt spielt der Ilbes-Berg zumindest keine Rolle. Damals galt Griesheim als Haupttreffpunkt der Hexen.
Melampus
Der Hund Melampus war ein Begleiter eines Müllers, der im Dienst der Burg Starkenburg (Heppenheim / Bergstraße) stand. Melampus wurde über die Jahre zu einem festen Bestandteil des Burglebens und wurde wegen seiner Zuverlässigkeit bald auch zur Nachrichtenübermittlung eingesetzt. Zu diesem Zweck soll er angeblich oft den Geheimgang zur Burg benutzt haben, der wohl von der Burg Starkenburg bis zum Kloster Lorsch ging und in dem sich auch der Burgschatz befinden soll. Eines Tages wurde die Burg angegriffen und Melampus kämpfte bis zu seinem Ende, schleppte sich zum Geheimgang und verstarb dort. Melampus wurde, laut Beschluss der Bewohner, dort begraben. Als der Bergfried der Burg Starkenburg gesprengt wurde, fand man dort Hundeknochen. Melampus Geist soll die Burg und den Geheimgang angeblich immer noch bewachen.
Die Weiße Frau
Die Weiße Frau ist ein Gespenst, das in mehreren Schlössern europäischer Adelsfamilien gespukt haben soll. Die ältesten Berichte über die Erscheinung stammen aus dem 15. Jahrhundert, die größte Verbreitung fand der Glaube an den Geist im 17. Jahrhundert. Um die Starkenburg in Heppenheim soll ebenfalls eine Weiße Frau geistern, die aus Trauer um ihren bei der Verteidigung der Burg gefallenen Gemahl noch heute jammernd und wehklagend durch die Umgebung der Burg streift. Sie erscheint angeblich meist kurz nach Sonnenaufgang als weiße, nebelhafte Gestalt.
Weitere Sagen fand ich hier: http://www.muehltal-odenwald.de/gemeinsc/sagen/index.htm
Ritter Georg und der Lindwurm
Einst hauste im Katzenborn unter dem Frankenstein über Nieder-Beerbach ein grausamer Lindwurm. Der Brunnen wurde dem Untier bald zu eng, sodass er aus der Tiefe aufstieg und die Beerbacher in Angst und Schrecken versetzte, indem er alles Lebende, ob Mensch oder Tier, in unersättlicher Gier verschlang. Besonders begierig war er nach dem Fleisch junger Mädchen – und nur nach deren Verzehr zog er sich für geraume Zeit auf sein Lager am Katzenborn zurück. Damit die Beerbacher von dem Lindwurm unbehelligt auf ihre Felder und zum Brunnen gehen konnten, erlitt täglich eine der schönen Beerbacherinnen einen grausamen Tod, die die Menschen im Dorf dem grausamen Drachen zum Fraße überlassen mussten – bis endlich ein Bursche dagegen aufbegehrte. Zu dieser Zeit wohnte im Haus nahe der Linde in der Dorfmitte die schöne Annemarie, die Tochter eines verarmten Ritters, der den Herren vom Frankenstein als Knappe und Ritter diente. Die schöne Annemarie, die Rose im Tal, und Junker Georg vom Frankenstein hatten zarte Bande geknüpft, die aber vor den jeweiligen Vätern ein Geheimnis bleiben mussten. Annemariechen zeigte deshalb stets mit drei kleinen Lichtlein hinter ihrem Fenster dem Angebeteten an, wenn der Förster aus dem Hause war und Gelegenheit zum Treffen unter der Linde bestand. Einmal war der Junker Georg in Begleitung seines Lehrmeisters, Mariechens Vater, auf Fahrt, vor deren Aufbruch Georg ihr bei allen Heiligen gelobte, sie nach seiner Rückkahr als seine traute Gemahlin heimzuführen.
Doch der fürchterliche Lindwurm forderte Opfer um Opfer, immer grimmiger stieg sein Heißhunger auf Jungmädchenfleisch. Da nahm das vor Angst und Schrecken verzweifelte Volk Zuflucht zur alten Ursula, welche alleine draußen vor dem Dorfe auf dem damals noch ungewohnten Pechkopf hauste und mit den Kräften der Natur und den Geheimnissen der Zukunft wohl vertraut ihre mächtigen Zaubertränke braute und ihren Günstlingen prophezeite. „Nur wenn ihr dem Wurm das Schönste und Liebste, das euer Tal besitzt, opfert, nur dann wird sein Heißhunter gestillt werden, und er wird wieder in den Born zurückkehren, der ihn gezeugt hat,“ war die niederschmetternde Voraussage.
O weh, Annemariechen! Das Schönste und Liebste des Dorfes, der Stolz und die Freude des Tales! Am Advents-Sonntag sollte sie dem Wurm geopfert werden, wie die Menschen in ihrer Ausweglosigkeit beschlossen. „Da lag sie, die einem so schrecklichen Tode Geweihte am Vorabend des Festes so händeringend vor dem Bilde des Gekreuzigten, heiße Gebete zu ihm hinauf sendend, und zu der heiligen Jungfrau, deren Namen sie trug. Doch siehe, da ward es plötzlich hell um sie; drei Lichtlein glänzten freundlich von dem Frankenstein durch die düsteren Scheiben ihres Stübchens herein. Der Geliebte war angekommen, und andere drei Lichtlein strahlten, von ihr entzündet, zu ihm hinauf, hilferufend gegen die drohende Gefahr. Und die Liebe glaubt ja alles, hofft ja alles. Darum erwartete sie nun gefasster den schrecklichen Tag. Die schöne Jungfrau sah sich in ihrer Hoffnung nicht getäuscht. Denn kaum hatte die Sonne ihre ersten Strahlen über den Breitenlohberg gesandt, da stand auch schon der nunmehrige Ritter Georg von und zu Frankenstein, wohl gepanzert und mit Schwert und Streithammer ausgerüstet, am Katzenborn dem Ungetüm gegenüber. Sein erster Gruß, den er der Geliebten zum fröhlichen Wiedersehen bringen wollte, sollte die Kunde von ihrer Rettung sein“, so wörtlich Nieder-Beerbachs Pfarrer Scriba in seiner Erzählung aus dem Jahr 1893, einer der am anschaulichsten und dramatischsten, die überliefert sind. Und weiter: „Schrecklich war der Kampf, der sich dort entspann, denn der Wurm spie Gift und Geifer rings um sich her, und mächtige Buchen fielen gleich schwachen Röhren von den gewaltigen Schlägen seines Schweifes.
Doch mit dem Ritter kämpfte ein gewaltiger Gott, der Fürst des Lebens: Die Liebe! Wie auch der Wurm wüten mochte: Nach einem halbstündigen Kampfe lag er, tödlich in seinen weichen Seiten verwundet, besiegt vor des Ritters Füßen. Doch ach, war es in seinem unseligen Siegestaumel oder um so besser den letzten Streich zu führen, der dem Scheusal den Garaus machen sollte: Der Ritter setzte seinen linken Fuß auf des Überwundenen Rücken, während aber der Wurm noch einmal seine letzte Kraft zusammenraffte, mit seinem gekrümmten Schweif des Ritters Bein umringelte und mit dessen spitzem Ende an der geöffneten Knieschiene sein tödliches Gift in dessen Blut spritzte.“Sterbend wusste Ritter Georg von der Rettung seines geliebten Annemariechens und des ganzen Tales. Die Menschen im Dorf und im Tal bejubelten die mutige Rettungstat des toten Helden. Aber in der Stube im Haus an der Linde sank eine liebende Jungfrau in lebenslange Trauer.
Noch einmal Pfarrer Scriba: „Doch so oft in den Wechseln der Jahre bis zur neuesten Zeit der heilige Advents-Sonntag erschien, glänzten jene drei Lichtlein in den Fenstern jenes Hauses auf, und hinter ihnen erschien Annemariechens bleiches Antlitz, wie es bittend und flehend zum Frankenstein hinaufschaut und wie sich jung und alt im Dorfe unter der Linde sammelt, um die Zeichen treuer Liebe zu sehen und sich die Mär zu erzählen, wie sie von den Vätern auf sie gekommen war.
Das einst so klare und helle, vom Katzenborn herkommende Bächlein, welches jetzt nur langsam und träge, von dem Blute des Wurmes geschwärzt und verdickt durch die Klinge in das Dorf herabläuft, trägt seit dieser Zeit den Namen Dunkelbach. Und auf dem Pechkopfe, wo einst die alte Ursula hauste – glaubt es, denn es ist wahr wie diese Geschichte – ist es bis zur Stunde noch nicht geheuer.“ In Dankbarkeit – so aber nur die Sage! – setzten die Nieder-Beerbacher ihrem Retter ein Denkmal in ihrer Kirche. Auf seinem Grabmal heißt es in Stein gemeißelt: „Anno domini 1531 uff Ludia tag ist in gott verschieden der edel und ehrnfeste Georg zu Frankenstein, den gott genad.“ Der Stein zeigt ihn geharnischt mit Schwert und Streithammer, seinen Fuß siegreich auf den Lindwurm gesetzt, der seinen Schweif mit dem giftigen Stachel um das linke Bein des Ritters bis zur Kniekehle windet.
Zur „Ernüchterung“: Das Grabmal ist älter als die Sage, die sich aber trefflich von der symbolhaften Darstellung des Steinmetzmeisters ableiten ließ. Der jedoch – oder seine Auftraggeber – spielten mit dem Drachen unter des siegreichen Ritters Georg an seinen Namenspatron, den Heiligen Georg, an.
Die Sage von der Alten Burg
Unmittelbar hinter der Nieder-Beerbacher Kirche erhebt sich ein Bergkegel, der nach der Sage „die Alte Burg“ noch heute heißt, der aber auch von der wissenschaftlichen Forschung als eine solche angesehen wird. Die Sage aber ist der Forschung weit voraus und sieht darin die Vorgängerin der nahen Burg Frankenstein. Der Sage nach gibt es im Innern der Alten Burg ausgemauerte Gewölbe, angefüllt mit reichen Gold- und Silberschätzen sowie bestens erhaltene Wein in alten Fässern. Unterirdische Gänge führen angeblich zur neuen Burg Frankenstein, zur Nieder-Beerbacher Kirche und sogar zur ehemaligen Martinskapelle bei Bessungen. Jüngeren Datums ist die Kunde von unterirdischen Gängen von der Kirche zum Gerlachschen Haus sowie von der heutigen Burg zum Weg zum Katzenborn, in dem ehedem der fürchterliche Drache hauste, den zwar Ritter Georg vom Frankenstein besiegt und dabei aber sein Leben ließ. Sie mag die Sage von den weiteren unterirdischen Gängen beflügelt haben.
Diese Sage von den Schätzen in der Tiefe der Alten Burg nährte verschiedentlich die Hoffnung auf Reichtum und Ruhm. Sie beflügelte erstmals 1763 eine Schar von Schatzgräbern. Pfarrer Philipp Moritz Scriba schildert das Treiben in einem Eintrag ins Kirchenbuch (aus Dr. Esselborn, „Nieder-Beerbach“):
„Im Jahre 1763 in der Woche vor dem Pfingstfest kam ein Komplott Schatzgräber hierher und gaben vor, daß sie auf Erlaubnis Ihreo Hochfürstlichen Durchlaucht Ludwig VII auf dem sog. Altburgenkopf, über der Kirche gelegen, einen Schatz heben sollten. . . . Die Schatzgräbern mit ihren Anführern machten dann nun ein Langes und Breites, was da in dem Berge liegen sollte. Sie gaben vor, es seien Gewölbe darin verborgen, sodann in dem einen ganz erstaunende Summen Gold und Silber und in dem andern, das im kleinen Berg sein sollte, ein guter Vorrat Wein . . .
Das Volk im Dorfe wurde durch diese Leute dergestalt verblendet, daß ich genötigt wurde, gegen solchen Unfug und Teufeleien zu eifern. Gleichwohl konnte ich nicht verhindern, daß sich etliche aus meiner Gemeinde dazugesellet haben, nämlich . . . Ich suchte alles bei diesen Leuten zu tun, sie von ihrer abscheulichen Torheit abzubringen, sonderlich, da viele Gottlosigkeiten und Teufelsbannereien dabei getrieben wurden; allein sie wurden allezeit von ihren Führern wieder verhalsstarrigt und der Name Serenissimi schändlich mißbraucht.
Beide Berge haben sie kreuzweise und in die Länge durchgraben, die allerfürchterlichsten Höhlen und Keller hineingehackt, so daß die meisten Höhlen 50 bis 60 Schuh tief sollen gewesen sein, und bei dem allen nicht das geringste gefunden und entdeckt wo etwa ihrem Vorgeben nach Geld oder Wein könnte begraben liegen.
Inzwischen waren die Augen dieser Leute von dem Teufel dermaßen verblendet, daß sie nicht eher nachließen, als bis einer von inen, Johann Heinrich Drott, durch Einstürzung es starken Erdklumpens totgeschlagen wurde. . . . Er war so mit Erde und Kummer verschüttet, daß er erst . . . mit großer Mühe und Arbeit aus dem Loche an Ketten und Stricken hat können gezogen werden.
Der Kadaver wurde auf höhere Verordnung . . . abends, da es Nacht wurde, ohne Sang und Klang an der Kirchhofsmauer begraben, war 52 Jahre alt.“
Genau so erfolglos waren die beiden weiteren Versuche aus der Sage von den Schützen unter der Alten Burg Kapital zu schlagen. Im Spätsommer 1770 rückte wieder eine Kolonne Schatzgräber in Nieder-Beerbach an. 20 bis 30 Mann – darunter gelernte Bergleute, wie Pfarrer Scriba im Kirchenbuch vermerkt – arbeiteten täglich bis Pfingsten 1771, bewacht von Soldaten des Landbataillons. Zwei Mauerfragmente, eine gegen die alte Brunnenstube und eine gegen die Kirche, waren die ganze Ausbeute.
1787 versuchte es eine Gruppe Einheimischer. Sie schlugen einen 50 und einen 20 Fuß langen Schacht, fanden aber wie ihre Vorgänger weder Geld noch Gold, nur ein wenig Eisenstein, wie es bei Dr. Esselborn heißt.
Ein Huf im Fels
Im Wald zwischen Nieder-Beerbach und Seeheim liegt ein großer Stein, auf dem man deutlich den Abdruck eines Hufeisens sehen kann. Welcher Reiter sein Pferd über den Fels getrieben hat, so dass es den Hufabdruck hinterlassen hat, steht nicht eindeutig fest. Bekannt ist dagegen, dass es in dieser Gegend seit alters her nicht geheuer ist.
Das musste auch jener Korporal erfahren, dessen preußische Einheit in jener kriegerischen Zeit, als die Franzosen ins Land eingefallen waren, in Seeheim lag. Im Auftrage seines Stabes hatte der Ordonanzreiter des Nachts Anweisungen nach Nieder-Beerbach zu überbringen.An einem stattlichen Findling stutzte sein treues Pferd, dennoch trieb er es weiter: Im Wald schien es plötzlich taghell. Neben dem Stein saßen an einem kreisrunden, schwarz gedeckten Tisch zwölf Männer, schwarz gekleidet bis auf einen, der blutrot gewandet war.
Vor diesem lag ein Blatt Schreibpapier, und die Männer schoben sich schwarzes Schreibzeug reihum zu mit der Aufforderung „Schreib doch du!“ Wieder bei dem Roten angelangt, forderte dieser den preußischen Reitersmann auf: „So schreib doch du!“
Der Preuße war indes starr vor Schreck, nahm wild Reißaus, dass sein Pferd in dem Fels einen Hufabdruck hinterließ. Der wilde Reiter sah gerade noch, wie sich die unheimliche Gesellschaft in Nichts auflöste. So schnell ihn sein Pferd tragen konnte, ritt er auf Nieder-Beerbach zu. Der dortige Pfarrer war gar nicht so überrascht von dem seltsamen Erlebnis des Ordonanzreiters: „Hättest du doch nur geschrieben: 'Das Blut Jesu Christi erlöst uns von aller Schuld', dann hättest du die Geister erlöst und wärest ein reicher Mann geworden.“
Die Heilquelle von Neunkirchen
Wo heute das schmucke Pfarrhaus gegenüber der Kirche steht, in dem sich außer Pfarrwohnung und Amtszimmer seit 1956 ein schöner Gemeindesaal befindet, dort sprudelte eine Quelle, die heute unterirdisch abgeleitet ist, das kleine Dorfschwimmbad speist und es zu einem regelrechten Gesundbrunnen um seines willen macht. An dieser Quelle soll eine Einsiedlerin um das Jahr 300 nach Christi Geburt sich im Urwald von dazumal niedergelassen und eine Heilkräftigkeit des Wassers entdeckt haben. Sobald sich das herumgesprochen habe, seien viele Leute gekommen, um dort Heilung zu suchen. Zwei arabische Ärzte, Cosmas und Damian, hätten ihr heilen geholfen. Aus ihrer Einsiedelei habe sich nach und nach eine Kapelle und später die Wallfahrtskirche entwickelt. Ob wirklich Heilungen geschahen oder nicht, ob es diese Heilige gab oder nicht, ob Cosmas und Damian hier waren oder nicht: Fest steht jedenfalls, dass seit urdenklichen Zeiten Neunkirchen ein Quellenwallfahrtsort war, und dass seine Kirche Cosmas und Damian geweiht ist. Diese Männer haben im Jahre 304 zu Äga in Kleinasien den Zeugentod für Christus erlitten.
Ihr Gedenktag fällt in die noch heute übliche Kirchweihzeit, und zwar auf den 27. September. In der katholischen Kirche werden sie als Heilige und Patrone der Ärzte, Drogisten, Apotheker, Bader, Hebammen und Friseure gefeiert. (Mit dem Wort „Cosmas" ist verwandt das Wort „Kosmetik".)
Entn.: Neunkirchen, Kleine Chronik des Ortes und seiner Kirche (von Pfarrer Maximilian C. Freiherr von Heyl, 1958)
Es wird weiter gesammelt!
Sagenhafter Odenwald

